Mein stiller Freund

„Es ist Zeit zu gehen“, sagte der Tod und reichte mir zärtlich seine Hand. Ich griff danach, ohne zu überlegen und als sich meine Haut mit seiner verband, fühlte ich urplötzlich jene Vollkommenheit, jene völlige innere Ruhe und Sicherheit, nach der die Menschen so verzweifelt suchten. Sein freundlich lächelndes Gesicht war so vertraut wie mein eigenes Spiegelbild und ich wusste, er war jede einzelne Sekunde bei mir gewesen. Verborgen im Alltäglichen und im Besonderen, in der Einsamkeit und im Hochgefühl. In diesem Moment war mir klar, wie er sich all die Jahre vor mir hatte verstecken können. Die Angst der Sterblichen hatte über mein Bewusstsein geherrscht. Aber nun, da er sich zu erkennen gegeben hatte und so selbstverständlich meine Hand hielt, war er schöner und wertvoller als alles, was dieses Leben mir jemals hatte geben können. Ich war nie allein gewesen und würde es nie mehr sein. In den Tiefen seiner sanften, unergründlichen Augen lag meine ganze Zukunft verborgen. Von nun an hatten wir alle Zeit, die jemals existieren würde, und so lächelte er geduldig und wartete. Ich spürte keinerlei Hast, denn er würde so lange warten, bis ich bereit war, mit ihm zu gehen, auch wenn es gänzlich unmöglich war, sich dem Verlangen zu entziehen.


1 Antwort auf „Mein stiller Freund“


  1. 1 Zordan 27. Januar 2012 um 17:20 Uhr

    man braucht nur geduldig warten bis man sein Ziel erreicht – auch wenn eines davon einige Jahrzehnte in Anspruch nehmen sollte.

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>